Eine kleine Geschichte zur "Nacht der Perseiden"

Diskussion begonnen von Silber-Bart , am 01 January 01:00 AM

Hallo,

 

in der Nacht vom 12. zum 13.08. August ist die Nacht der Perseiden, der Sternschnuppenschwärme, die aus dem Sternbild Perseus niederregnen. Da gehen vielelicht große Wünsche in Erfüllung. Ich hab mal eine kleine Geschichte dazu geschrieben, weil mein Sohn am 12.08. Geburtstag hat und wir schon manchmal in der Geburtstagsnacht zum Sternschnuppengucken raus gefahren sind. Eine Literaturgruppe gibt es ja hier wohl noch nicht, deshalb poste ich sie mal hier, denn so ein bisschen bezug zum Thema "Sehnsucht" liegt ja auch darin, denn Sehnsucht ohne Hoffnung gibt's ja nicht ....

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Das Außergewöhnlichste ist: das Universum hat ein „Gefühl“ (Albert Einstein)

Perseus’ Gruß
oder: Ein Funken Hoffnung

Für „Paul“.

Von Kurt Möbus

Alle tausend Jahre, so heißt es, kommen die Götter auf die Erde, oder sie zeigen uns zumindest, dass es sie gibt. Seit einem lauen August - Abend des Jahres 2000 trage ich einen kleinen Talisman in meiner linken Brusttasche und glaube an mein Glück. Wie es dazu kam?

Samstag, den 12. August des Jahres 2000. Der Geburtstag meines Sohnes Paul. Großer Abend der Illuminationen. Natürlich nur für ihn! Die Nacht der Perseiden, der Meteoritenschwärme, rasender Sternschnuppen, die aus dem Sternbild des Perseus hernieder regnen. Sie stammen aus einer Wolke von Gesteinsbrocken, den Überresten eines zerfallenen Kometen.

Soweit der naturgegebene Hintergrund. Alles andere war gewiss sorgfältig inszeniert. Die Nacht der Ballone im Schloss zu Weilburg an der Lahn. Ich bin mir nicht sicher, ob auch der Sonnenuntergang schon dazu gehörte. Aber er war dem weiteren Verlauf des Abends angemessen. Am wolkenlosen Himmel senkte sich der Feuerball nieder, und wegen des Dunstes in der Atmosphäre färbte er sich schon früh rot, so dass man, noch während er hoch am Himmel stand, mit ungeschützten Augen hineinschauen konnte. Deshalb sah man auch nicht das übliche, durch Brechung in den unteren Luftschichten verzerrte und flimmernde Ei, sondern ein perfektes Kreisrund, innere Ruhe ausstrahlend, senkte sich würdevoll nieder. Man hatte einen Berg davor gestellt, auf dessen Gipfel die Sonne für einen Augenblick selbstbewusst ruhte, sich noch einmal in ihrer unverhüllt strahlenden Grazie bewundern ließ, bevor sie sich diskret zurückzog, um der weiteren Show die Bühne zu überlassen.

Als nächstes gaben sie Mondschein. Hinter dem alten Schlossgemäuer zog der Erdentrabant herauf, noch nicht ganz rund, nein, er wuchs noch, und zuviel Perfektion schadet der Schönheit. Dazu wurden nun rasch ein paar Wolken herbeiberufen, nicht zu viele, damit sie den Mond nicht verbargen. Nur ein paar bizarre Fetzen, die aussahen, als hätte ein kleiner Sturm sie zerrissen. Dabei war es doch windstill. Wenn der Mond kurz hinter dieser himmlischen Dekoration verschwand, leuchtete sie von innen heraus, so hell, dass niemand mehr ernsthaft glauben konnte, dies sei nur der Widerschein der Sonne, ihr von unserem staubigen Trabanten zurückgeworfenes Licht. Sie war doch selbst schon vor einer ganzen Weile versunken.

Dazu spielte eine Band. Man hatte alles wohl bedacht. Dunklen Blues gaben sie zum Nachtblau des Himmels. Als im Südwesten einzelne Sternschnuppen aufleuchteten, kam man zum ersten Höhepunkt des Abends. Was eben der Mond mit den Wolken tat, wiederholte sich nun unten im Schlosshof. Vier Heißluftballons wurden zu Hochhausgröße aufgeblasen und mit den meterlangen, gleißenden Feuerzungen der Gasbrenner von innen erleuchtet. Der Erden-Trabant schaute nun drehbuchgemäß wieder in die Kameras, erblasste aber vor Neid neben den farbigen Über-Monden. Statt live-Musik von der Bühne spielten sie jetzt „Also sprach Zarathustra“, die „Carmina Burana“ und „Das große Tor von Kiew“. Im Rhythmus dazu brausten die Flammen in die hohlen Bäuche der seidenhäutigen Monster. Ab und zu rasten hinten ein paar Sternschnuppen aus der blauen Schwärze. Man wusste gar nicht, wo man hinschauen sollte, hier berauschte sich die Inszenierung an ihrer eigenen Größe.

Als die heißluftgefüllten Schwellkörper im Abklingen der Hitze wieder erschlafften, gönnte man dem Publikum eine Pause und dem Himmel seinen lange erwarteten Auftritt. Ein Regen von Sternschnuppen wurde es allerdings nicht. Mal hier ein Fünkchen, lange Pause, dann dort noch eins. Wahrscheinlich, damit die Zahl der Wünsche im erfüllbaren Bereich blieb. Die Perseiden lieferten eher das Vorspiel für den zweiten Höhepunkt des Abends. Ihre Schnuppen traten nicht einfach ab, sie ließen das Geschehen nahtlos ineinander übergehen. Das alte Gemäuer erzitterte unter einem Donnerschlag. Die Zuschauer ebenfalls, und dann starteten sie das irdische Feuerwerk. Glimmende Blüten öffneten sich dort oben. Kaskaden von Sonnen, Planeten, Galaxien und all dem anderen übertrafen sich gegenseitig in ihrer gleißenden Pracht. Feurige Bäume hielten sich sekundenlang hoch in der Luft und ließen dann ihren glühenden Laubregen auf die Ahhs und Ohhs der Zuschauer nieder. War das kleine Licht ganz hinten nun eine echte Sternschnuppe oder ein verirrter Rest von Pyrotechnik?

Ich schaute gerade gebannt nach oben, verfolgte das sanfte Verlöschen einer Feuerblume und ahnte schon wieder einen Schnuppenstern im Regen der glimmenden Feuerwerksreste, als mich plötzlich ein heftiger Schlag auf der linken Schulter traf. Gleich darauf fiel etwas mit einem lauten „Klack“ neben mir zu Boden. Ich bückte mich und fand einen schwarzen, noch glühend heißen Brocken. Glück gehabt, dachte ich, das hätte auch ins Auge gehen können. Ein Stück von einem Feuerwerkskörper, raunten die Umstehenden staunend. Ist doch ganz schön gefährlich, so nahe dran, stellten sie erschauernd fest und gingen besser ein Stück zurück.

Ich blieb sitzen und schaute dem feuerspeienden Drachen da oben furchtlos ins Auge. Ein Stück von einem Feuerwerkskörper, meinten sie. Ach, die Kleingläubigen! Wo leben wir denn, dass bei einem Feuerwerk glühende Brocken auf die Zuschauer niederfallen? Nein, meine Damen und Herren, die Sie Zeugen dieses unscheinbaren kleinen Vorfalls waren, wir leben im Lande der TÜV-geprüften Pyrotechnik. So etwas kommt bei uns nicht vor!

Hand aufs Herz! - Sie wissen es genau: Diese Nacht, in der alles in einem perfekten Arrangement zueinander passte – ja, gestehen Sie ruhig: manchmal war es fast schon zu perfekt! -, neben mir das Geburtstagskind, für das man sich das alles ausgedacht hatte, und auf ihrem Höhepunkt ein Stein, der vom Himmel fällt, der ausgerechnet mich trifft, direkt über dem Herzen, und dabei noch – weltraummäßig gedacht – um Atomesbreite mein linkes Auge verfehlt: Der Jackpot im Lotto ist gar nichts dagegen!

Hier halte ich den kleinen schwarzen Brocken, so fremdartig mit seiner glutverhärteten Oberfläche, tropfenförmig ausgebildet durch seinen Flug in reißender Luftströmung, und ich weiß, was das ist. Ein Götterfunke! Ein Gruß von Perseus! Ein Stückchen vom himmlischen Feuer traf mich.

Und damit ist es bewiesen: Ja, die Erde ist nur ein winziger Planet, der durchs leere, öde Weltall rast! Und doch auch: Ja, dort oben wohnen die Götter, die uns ab und an ein Hoffnungsfünkchen herabwerfen, so gut gezielt, so perfekt im „Timing“, dass der Zufall hohnverlacht die Bühne räumt und wir wieder wissen, dass wir nicht allein sind.

Ich solle den Stein untersuchen lassen, sagte man mir. Prüfen, ob es denn wirklich ein Sternsplitter sei. Prüfen! Diese ewigen Zweifler ... Die Götter sollte ich versuchen? Ich weiß es doch ganz genau: Im Augenblick der Prüfung würde sich der Stein unter meinen Augen in ein wertloses Stück Feuerwerksmüll verwandeln, zur Strafe für meine Ungläubigkeit!